Leseproben

Die folgenden Leseproben stammen aus „Das Schnarchbuch“. Sie sind urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Deutschsprachige Nutzungsrechte vermittelt mein Verlag.

Ruhe bitte! Ein Vorwort

„Lache, und die Welt lacht mit dir. Schnarche, und du schläfst allein.“
Anthony Burgess

Kürzlich erfuhr mein Partyleben eine aufregende Wende. Auf die Frage „was machst’n eigentlich?“ antwortete ich: „Ich schreibe ein Buch über das Schnarchen“. Wer hätte bloß die Reaktion voraus geahnt? Riesengroßes, ungeheucheltes Interesse brandete mir entgegen. Jeder und jede kannte jemanden mit Schnarchproblemen oder wusste eine Geschichte von schnarchenden Monstern auf Campingplätzen, in Autoreisezügen oder Nachbarwohnungen zu erzählen. Es vibrierte, röchelte, sägte und gurgelte aus zig Kehlen. Und alle wollten etwas von mir wissen: „Ist das eigentlich gefährlich?“ – „Wie laut kann das werden?“ – „Was kann man dagegen tun?“

Zugegeben: Es ist schön, im Mittelpunkt zu stehen, und das tut man fast immer, wenn man sich als „Schnarchexperte“ outet. Doch: Alle interessieren sich für die Sägerei – keiner tut’s. Alle lachen drüber – keiner gibt’s zu. Da kann etwas nicht stimmen. Wo ist das Bäume fällende Drittel der erwachsenen Deutschen geblieben? Hocken die abends alle vor der Glotze? Schlafen sie wirklich allein?

Schnarchen ist in. Schnarcher sind out. Wer traut sich da schon, sein Leiden zuzugeben. Dabei sollte sich allmählich herumgesprochen haben, dass man etwas gegen die Sägerei tun kann, dass man sogar etwas dagegen tun sollte. Mindestens 800 000 Bundesbürger leiden an einer potenziell lebensbedrohlichen, besonders ernsten Form des Schnarchens.

Es wird Zeit, umzudenken: „Ruhe bitte!“, müsste es den Lästermäulern entgegen schallen. Weil sie aber ohnehin nicht schweigen werden, will ich mit diesem Buch wenigstens ihre Neugier befriedigen. Mit einem weitaus freundlicheren „Ruhe Bitte!“, möchte ich aber auch die vielen, vielen Schnarcher auffordern, etwas gegen ihr Leiden und damit für ihre Gesundheit zu tun. Dieses Buch will dabei helfen.

Anmerkung zur Neuauflage
Das hätte ich wirklich nicht gedacht, als die erste Auflage des Schnarchbuchs erschien: Mein Buch hatte das Leben Einzelner umgekrempelt. Menschen schrieben mir, sie wären erst durch diese Lektüre darauf aufmerksam geworden, dass Schnarchen ein gravierendes Gesundheitsproblem sein kann, und zum Arzt gegangen. Jetzt werde ihre extreme Sägerei erfolgreich therapiert. Sie fühlten sich morgens zum ersten Mal seit Jahren wieder ausgeschlafen und erholt.

Eigentlich hatte ich vor allem ein nettes, unterhaltsames Büchlein über ein Allerweltsproblem schreiben wollen. Natürlich sollte es zudem fachlich fundiert sein und das Schnarchen medizinisch korrekt einordnen: als ein bedrohliches Warnsignal für eine ungesunde Lebensweise und die Vorstufe einer lebensgefährlichen Krankheit.

Nun stellte sich heraus, es hatte sich zum medizinischen Ratgeber gemausert, den sogar Fachleute empfahlen. Die Rückmeldung der Schlafärzte war durchweg positiv. Und von mindestens einem weiß ich, dass er seine Schlaflaborzimmer mit meinem Buch als Gutenachtlektüre ausstattet. Er wird sich über die Neuauflage besonders freuen. Weil sie den aktuellen Stand der Schnarchforschung berücksichtigt. Und weil er endlich die Lücken in seinen Bücherregalen stopfen kann. Immer wieder nehmen einige seiner Patienten das Buch nämlich mit nach Hause – völlig aus Versehen natürlich.
Hamburg, im Herbst 2006

Ursachensuche. Wie das Schnarchgeräusch entsteht

Das Wort „schlaff“ stammt nicht umsonst vom Begriff „Schlaf“. Schlaf entspannt. Darum schlafen wir, und darum brauchen wir den Schlaf. Entspannung heißt aber nicht nur, das Gehirn abschalten, es heißt auch, den Körper ausruhen. Wenn das Schlafzentrum aktiv ist, sendet es Lockerungssignale an die strapazierte Bewegungsmaschinerie. Die Muskulatur wird schlaff, vom Tagewerk erschöpfte Fasern dürfen endlich ausruhen. Am ausgeprägtesten ist die Muskelerschlaffung während der so genannten REM-Phasen, in denen man nicht nur am lebhaftesten träumt sondern oft auch am heftigsten schnarcht. In der Muskelerschlaffung liegt nämlich die Ursache dafür, dass unbeabsichtigtes Schnarchen und Schlafen untrennbar miteinander verknüpft sind.

Wenn alle Muskeln an Spannkraft verlieren, so sind natürlich auch jene Stränge darunter, die den Rachenraum in Form halten. Der wird gehalten und bewegt von einem kompliziert gebauten Apparat aus mehr als zwanzig ineinander verwobenen oder aneinander aufgereihten Muskelpaaren. Sie sorgen für die vielfältigen Bewegungen wie Schlucken, Kauen oder Husten. Und sie sorgen dafür, dass die unzähligen Weichteile in Mund, Rachen oder Hals dem Atemluftstrom widerstehen.

Da ist zum Beispiel die Muskelgruppe constrictor pharyngis superior, medius und inferior, die allesamt den Schlund umschlingen und für das Auf und Ab des so genannten Halseingeweideschlauchs beim Schlucken sorgen. Erschlaffen sie, senkt sich die Luftröhre ab, und in ihrem oberen Bereich könnte es eng werden. Oder da ist der Musculus genioglossus, der die Zunge nach vorne zieht. Werden er und die anderen Muskeln des Zungenhalteapparats zu schlapp, kann es passieren, dass das Geschmacksorgan unkontrolliert zurück rutscht und die Atmung behindert. Ähnliche Folgen hätte eine Erschlaffung der Kiefermuskeln mutmaßen Schnarchforscher: Vor allem bei Rückenschläfern könne sich der gelockerte Unterkiefer öffnen, zurück fallen und der Zunge nötigen Platz rauben. (…)

Auslöser und Gegenmittel. Tipps für ruhige Nächte

In Fernsehen und Zeitschriften tauchen immer öfter Berichte über das Schnarchen und seine Gefahren auf. Seien Sie ehrlich: Ihnen als Schnarcher geht das gewaltig auf die Nerven. Sie finden das ständige Gequatsche von den Risiken schon lange übertrieben. Sie schnarchen doch gar nicht so doll. Und wenn, dann sowieso nur jede zehnte Nacht.

Sollte diese Selbsteinschätzung tatsächlich stimmen, brauchen Sie nicht weiter lesen. Doch es wäre sicher nicht das erste Mal, dass Sie sich etwas vormachen. Die meisten Schnarcher beschummeln sich, wenn es um das Ausmaß ihrer Sägerei geht. Fragen Sie mal Ihre Nachbarn oder Partner, was die von den nächtlichen Geräuschen aus ihrem Rachen halten. Selbst wenn Ihr Schnarchen noch nicht krankhaft ist, ist es niemals verkehrt, etwas aus eigener Kraft dagegen zu tun. Die lästige Sägerei ist vielleicht ein Signal Ihres Körpers, der Sie frühzeitig auf eine ungesunde Lebensweise aufmerksam machen will. Und – wer auch immer Ihr Bett teilt – ist für stillere Nächte garantiert empfänglich.

Wenn Sie Ihre unbewusste Lärmquelle also abstellen wollen, gibt es eine gute Nachricht: Mit etwas Selbstdisziplin, Fantasie und Durchhaltevermögen können auch Sie den Lärmpegel senken oder das Schnarchen beenden. Zu Beginn müssen Sie ein wenig in sich gehen und Ihre individuellen Schnarchauslöser aufspüren. Auch bei Ihnen dürften, wie bei den meisten Menschen, viele Faktoren gleichzeitig zur Sägerei beitragen. Die einen schnarchen am lautesten, wenn sie auf dem Rücken liegen, ordentlich Alkohol getrunken haben und verschnupft sind. Die anderen sägen erst, seitdem sie ein paar Pfunde zugelegt haben und dann vor allem im Winter, wenn die Heizung die Raumluft austrocknet.

Kämpfen Sie nur gegen einen solchen Faktor an, specken Sie ab, trinken Sie weniger Alkohol oder versuchen Sie auf der Seite zu schlafen, wird ihr Geschnarche sicher leiser. Räumen Sie sogar alle Auslöser aus dem Weg, werden Sie endlich wieder ruhige Nächte verbringen. Natürlich sind einige Schnarchauslöser – etwa der Schlaf in Rückenlage – kaum oder nur mit großem Aufwand zu bekämpfen. Doch verzweifeln Sie nicht. Erklären Sie erst mal den leicht anzugehenden Faktoren den Krieg. Der Erfolg gibt Ihnen Mut für größere Leistungen.

Wollen Sie nun doch weiterlesen? Ihr Rachen, Ihre Gesundheit und der Mensch mit dem Sie Ihre Nächte teilen, werden es Ihnen danken. Hier die häufigsten Schnarchauslöser und einfache Tipps, wie man sie am besten bekämpft.

Wie Ihr Rachen in Form bleibt

Schlafen Sie gut. Beachten Sie auch dann die allgemeinen Hinweise für einen besseren Schlaf, wenn Sie kein Schlafproblem haben: Gehen Sie pünktlich zu Bett, stehen Sie auf, wenn Sie ausgeschlafen sind, achten Sie auf angenehme Schlafzimmertemperatur, benutzen Sie das Bett nur zum Schlafen (mit einer Ausnahme), nehmen Sie keine heißen Bäder, keine schweren Mahlzeiten, Alkohol, Zigaretten oder Aufputschmittel wie Kaffee vor dem Schlafen. Dadurch verlängert sich Ihr Tiefschlaf, und das hält Sie länger jung.

Bleiben Sie fit. Wer Kreislauf und Körper mit regelmäßiger Aktivität trainiert und bis ins hohe Alter gesund hält, wird auch weniger leicht zum Schnarchen neigen.

Trainieren Sie Ihre Gaumenmuskulatur. Der britische Arzt Harvey Flack entwarf vor über 30 Jahren einen Gaumen-Workout für ruhige Nächte, den manche Schlafärzte auch heute noch für sinnvoll halten. Führen Sie die Übungen regelmäßig vor dem Einschlafen durch. Damit arbeiten Sie zumindest ein bisschen gegen die altersbedingte Erschlaffung Ihrer Gaumen- und Kiefermuskulatur an:

  • 1. Klemmen Sie sich für zehn Minuten eine Zahnbürste oder einen Kugelschreiber zwischen die Zähne. Beißen Sie fest zu.
  • 2. Drücken Sie für eine Minute Ihren Unterkiefer fest nach hinten. Halten Sie dem Druck mit Ihren Kiefermuskeln stand. Übung wiederholen!
  • 3. Pressen Sie Ihre Zunge bei geschlossenem Mund einige Minuten kräftig gegen die Zähne des Unterkiefers. Das hilft übrigens auch gegen ein Doppelkinn. – Und dann: Gute Nacht.

Machen Sie Zungenmuskeltraining. Sozusagen der Gaumen-Workout für Faulpelze: Die Haltemuskulatur der Zunge wird hierbei mit einem speziellen Elektrostimulationsgerät trainiert. Eine Elektrode wird unter dem Kinn befestigt, eine andere unter die Zunge gelegt. Dann fließt ein wohl dosierter Reizstrom durch die Zungenhaltemuskeln, die sich dadurch stärken. Das 20-minütige Training sollte mehrere Wochen lang und nur in Absprache mit einem Facharzt durchgeführt werden. Eine erste Studie zeigte, dass das Training gegen simples Schnarchen helfen kann. Bei der Bekämpfung von Schlafapnoen versagt es aber. Zur Nachbehandlung empfehlen Mediziner einen Gaumen-Workout à la Harvey Flack.

Singen Sie „Ye“. In ihrem Buch „The natural way to stop snoring“ beschreibt Elizabeth Scott, wie man angeblich mit Gesang gegen die Erschlaffung des Gaumens ankämpfen kann: Man müsse singen und für jeden Ton ein spitzes „Ya“ oder „Ye“ hervor pressen. Ob’s hilft, müssen Sie schon selbst herausfinden.

Spielen Sie Didgeridoo. Eine ernsthafte, im Jahr 2006 im anerkannten Fachblatt „British Medical Journal“ erschienene Studie von Züricher Medizinern kam zu dem Ergebnis, dass Schnarcher ihr Leiden mit regelmäßigem Musizieren auf dem urtümlichen australischen Blasinstrument Didgeridoo lindern können. Auch das trainiere die richtigen Muskelgruppen.

Letzte Mittel. Lösungen für Extremschnarcher

Energie war ein Fremdwort geworden für Helmut Richter. Er war schlapp, kraftlos und ständig unausgeschlafen. Jede Arbeitspause nutzte er zum Nickerchen. Das gehört zum älter werden, dachte der Werkzeugmacher: „Der Akku wird halt auch nicht voller.“ Doch dann hörte zufällig ein Arzt aus dem Bekanntenkreis, wie Richter sägte. „Schnarchen Sie schon lange so laut?“, fragte er später. „Aber klar“, antwortete Richter, nichtsahnend, dass Schwerstschnarchen etwas sein könnte, das Ärzte interessiert. Weil der nächtliche Lärm unabänderlich schien, hatten er und seine Frau schon vor Jahren die einzig möglich erscheinende Lösung gewählt und getrennte Schlafzimmer bezogen.

Der Arzt, der auf Schlafmedizin spezialisiert war, gab Richter einen Termin, checkte ihn rundum durch und entließ ihn wieder nach Hause mit einem kleinen Gerät, das seinen Schlaf kontrollieren sollte. Das Gerät lieferte so viele Anhaltspunkte für eine schnarchbedingte Schlafstörung, dass Richter kurze Zeit später eine Nacht im Schlaflabor verbringen musste. 500 Atemaussetzer wurden in dieser Nacht gemessen. Die längsten dauerten eine Minute. Nun war klar, er litt am Schlafapnoe-Syndrom.

Heute sägt Richter kaum noch. Nächtliche Atempausen haben Seltenheitswert. Sein Schlaf ist erholsam und leise, er ist tagsüber viel fitter, ausgeruhter und fröhlicher als früher. Und er ist ins Ehebett zurückgekehrt.

Den Erfolg verdankt Richter vor allem einer Beatmungsmaske. Sie sitzt auf der Nase und erzeugt einen Überdruck, der die Atemwege offen hält. „Schon nach der ersten Nacht mit Maske fühlte ich mich wie neu geboren“, sagt Richter. Er hat inzwischen zehn Kilogramm abgenommen und erledigt so viele Dinge wie möglich zu Fuß. „Das kommt ganz automatisch“, sagt er heute, „wenn die Energie zurück ist, hat man auch wieder Lust auf Bewegung“. (…)

Der scharfe Ausweg. Operationen gegen das Schnarchen

Die Welt kann ja so einfach sein: „Bei uns werden Schnarcher mit Hilfe eines ambulanten Verfahrens innerhalb von zwölf Minuten von ihrem Schnarchen befreit“, verkündete einst eine deutsche Privatklinik in ihrer Pressemeldung. „Gaumensegel, Zäpfchen und Mundschleimhaut werden mit dem Laser sanft modelliert. Das Ergebnis: Der Patient ist sehr schnell fit und am nächsten Tag wieder voll einsatzfähig.“

Was nun? Sollen Sie das „Schnarchbuch“ in die Ecke schmeißen? Sind Sie der „Manager mit knapp bemessener Zeit“, den die Privatklinik umwirbt? Dann können Sie laut Pressemeldung all die mühsamen Tipps für ruhige Nächte vergessen. Gehen Sie zum „Experten auf dem Gebiet der Schnarchoperationen“. Er wird „mit Hilfe eines Ultra-Pulse-CO2-Laser“ Ihren Rachenraum verändern. Ein kleiner Eingriff, der Sie praktisch ohne Nebenwirkungen von Ihrer nächtlichen Qual erlöst, denn in den Atemwegen „entsteht ein größerer Luftdurchlass und der Abstand zur Rachenrückwand wird erweitert“. Als Folge kann angeblich mehr Luft durch den Mund strömen. Die Weichteile im Schlund flattern nicht mehr.

So viel heile Welt der Hightech-Medizin muss misstrauisch machen. Und tatsächlich sind Operationen gegen krankhaftes Schnarchen viel zu oft erfolglos, meint zum Beispiel ein so renommierter Experte wie Peter Calverley, Professor für Lungenheilkunde und ehemaliger Vorsitzender der britischen Schlafmedizingesellschaft: „Eine aktuelle Studie von mehreren HNO-Ärzten ergab, dass sich nur bei 45 Prozent der Patienten der chirurgische Eingriff gelohnt hatte.“ Manche Ärzte wollten jedem Patienten helfen, kritisiert Calverley, sogar solchen, bei denen von vorneherein klar sei, dass ihrer Schnarcherei mit Operationen nicht beizukommen sei. (…)